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Bensheimer Gespräche 2012, 12.-14. April 2012

veranstaltet in Zusammenarbeit des

Instituts für Personengeschichte (Bensheim) und der

Ranke-Gesellschaft, Vereinigung für Geschichte im öffentlichen Leben e.V. (Köln)

Veranstaltungsort ist der Staatspark Fürstenlager in Bensheim-Auerbach

»Die Neuformierung der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft nach 1945«

Bensheimer Gespräche 2011

Bensheimer Gespräche 2010

Matthias Krämer, Augsburg/Bremen: Zwischen Emigration und Remigration. Deutsch-amerikanische Historiker und die ›Historische Zeitschrift‹

Peter Herde, Würzburg: Der Neubeginn der Geschichtswissenschaften an den Universitäten München und Würzburg 1945

Tobias Kaiser, Berlin: Die »bürgerlichen« Historiker in der SBZ/frühen DDR. Biographische Wahrnehmungen zur Spaltung der deutschen Geschichtswissenschaft

Ernst Bruckmüller, Wien: Zur Orientierung der österreichischen Geschichtswissenschaft nach 1945 – Personen und Themen

Matthias Berg, Berlin: Vom »Führer« zum »Paria«? Karl Alexander von Müller und die deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945

Anne Nagel, Gießen: »… den Leuten zeigen, daß ich noch etwas könnte«: Theodor Mayer und die Gründung des ›Konstanzer Arbeitskreises‹

Frank-Lothar Kroll, Chemnitz: Ein Preußenforscher des 20. Jahrhunderts: Hans-Joachim Schoeps

Reinhard Blänkner, Frankfurt/Oder: Erfahrungswandel und Methodenwechsel: Zum Werk Otto Brunners nach 1945

Zeitzeugen-Forum mit Referaten von: Beate Gödde-Baumanns, Duisburg, über Franz Schnabel, Fritz Fellner, Wien, über Hugo Hantsch und Adam Wandruszka, Armin Wolf, Frankfurt am Main, über Otto Brunner

 

Feierliche Verleihung des Forschungspreises der Stiftung für Personengeschichte an Oliver Jens Schmitt, Wien, mit anschließendem Empfang (Buffet) im Bürgerhaus am Kronepark, Bensheim-Auerbach

 

Bernd Rusinek, Jülich: »Westforscher« – ein intellektuelles Milieu

Friedemann Schmoll, Augsburg: Umweg Europa: Kontinuität und Reformierung der deutsch-deutschen Volkskunde nach 1945

Wolfgang E. J. Weber, Augsburg: Einzelgänger, Gruppen, Kartelle: Klios wunderbare neue Welt

 

In den Geschichtswissenschaften finden in jüngster Zeit immer häufiger Tagungen zur Erforschung der eigenen jüngeren Vergangenheit und disziplinärer Selbstvergewisserung statt. Auch die in der Tradition der 1963 begründeten ‚Büdinger Gespräche’ stehenden ‚Bensheimer Gespräche’ luden im April 2012 in den Staatspark Bensheim-Auerbach ein, um sich der epistemologischen Schlüsselfrage nach der »Neuformierung der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft nach 1945« zu stellen. Mit stetem Rückblick auf die Zeit der Weimar Republik und der NS-Zeit wurden personelle, thematische und methodische Brüche, vor allem aber Kontinuitäten zunächst vornehmlich anhand von Biographien im deutschsprachigen Raum vorgetragen und diskutiert.

 

Für sechzehn Personen stellte Matthias Krämer (Augsburg/Bremen) einleitend eine prosopographische Studie der aus Deutschland wegen der Verfolgung aus ‚rassistischen’ Gründen emigrierten Historiker nach 1945 vor: »Zwischen Emigration und Remigration. Deutsch-amerikanische Historiker und die ‚Historische Zeitschrift’«. In der Emigration änderten manche Historiker wie Hallgarten ihre Positionen deutlich, indem sie von einem Vertreter radikaler Positionen zu einem einflußreichen Lehrer einer liberalen Schule wurden. Matthias Krämer konnte nachweisen, dass der Einfluss von Friedrich Meinecke und Hermann Oncken mittels Schulenbildung besonders wirkungsvoll war.

Jedoch gelang es vielen Emigranten erst mit deutlicher Verzögerung, ihre akademische Karriere weiterzuführen. Nach 1945 wurden zwar Gastprofessuren in Deutschland von den USA gefördert, die Remigration gelang jedoch nur in Einzelfällen, am ehesten in Berlin, wo Friedrich Meinecke 1948 Rektor der Freien Universität wurde. Der für die Zunft unerwartet zum neuen Herausgeber der HZ avancierte Ludwig Dehio rückte insbesondere durch einen umfassenden Rezensions- und Literaturberichtsteil die ausländische Forschung in den Blick. Die meisten der im Vortrag behandelten Historiker stellten durch ihre Mitarbeit die Einbindung der bis 1945 isolierten deutschen Fachwissenschaft in die internationalen Gremien und Themen wieder her.

 

Gespickt mit Details und Insider-Wissen stellte Peter Herde (Würzburg) den Neubeginn der Historischen Seminare an den bayerischen Universitäten Würzburg und München ab 1945 dar. Dabei konnte er bemerkenswerte Unterschiede herausarbeiten: In Würzburg blieb der Althistoriker Wilhelm Enßlin im Amt, die Ordinarien für Mittelalter (Wilhelm Engel) und für Neuere Geschichte wurden als ‚Mitläufer’ entlassen. Das Mittelalter wurde mit dem aus München stammenden ‚katholischen’ Michael Seidlmayer besetzt. Zu größeren Differenzen kam es hier nicht. Für München konnte Herde die großen Namen der Disziplin im Netz zwischen Universität, Institut, Akademie und Militärregierung vorführen. Manche persönliche Rechnung wurde vor dem Hintergrund der extremen Politisierung und Anbiederung im Dritten Reich beglichen, der Einfluß der amerikanischen Militärregierung ebenso sichtbar wie die zugleich vielfach erschreckend ausgeprägte Selbstgefälligkeit und mangelnde Einsicht betroffener Fachvertreter in ihr Wirken zur NS-Zeit. Die Geschichte der Berufung Franz Schnabels und seine besondere Befähigung als Lehrer wurden auf der Tagung auch durch Beate Gödde-Baumanns (Duisburg) als seiner Schülerin den Teilnehmern im Zeitzeugen-Forum lebhaft vor Augen gestellt.

 

In ähnlicher Weise führte Ernst Bruckmüller (Wien), aus reicher eigener Anschauung und Forschung schöpfend, in die Personen und Themen der österreichischen Geschichtswissenschaft nach 1945 ein. Noch in den Jahren 1933/1934 wurden Historiker, die sich zum Nationalsozialismus bekannten, entlassen. Nach dem Anschluß 1938 an Hitler-Deutschland wurden sodann viele Gegner des Nationalsozialismus entlassen. Nach der Eroberung durch die Rote Armee im April/Mai 1945 ergab sich daher, wie Ernst Bruckmüller es nannte, ein „Rückbruch“, man griff wieder auf die 1938 Entlassenen zurück. Die Sowjets nahmen auf diese Umbesetzungen in Österreich im Gebiet bis an die Enns wenig Einfluß – im Gegensatz zu den dezidierten Vorstellungen der westlichen Alliierten.

Von den vier Wiener Ordinarien wurden Otto Brunner, Heinrich Ritter von Srbik und Wilhelm Bauer entlassen, waren aber schon 1948 wieder Mitglieder der Akademie. Der neue große Organisator der österreichischen Geschichtswissenschaft nach 1945 wurde Leo Santifaller. Als Katholik ein Gegner der Nationalsozialisten, besetzte er bald alle wichtigen MGH-Kommissionen, war Direktor der IÖG und des Staatsarchivs. Sein Nachfolger am Institut für Österreichische Geschichtsforschung wurde in den 1950er Jahren mit Heinrich Fichtenau ein Mediävist. Nach Heinrich von Srbiks Versuch, die österreichische Geschichte als Teil der deutschen zu interpretieren, stand Alfons Lhotsky für eine Neuorientierung, indem er Kaiser Maximilians I. domus austria als Keimzelle einer neuen Österreich-Ideologie interpretierte. Mit Hugo Hantsch wurde dann die Habsburger-Monarchie wiederentdeckt, und sein Schüler Günther Hamann erschloß die südeuropäische Hemisphäre. Der ‚klassische’ Remigrant aus England, mit hoher persönlicher Eleganz und breiter Bildung, war Heinrich Benedikt, der erst mit 69 Jahren zum ordentlichen Professor für Wirtschaftsgeschichte ernannt wurde. Die Habsburger brachte nach Wien schon Robert A. Kann als Gastprofessor die akademische Welt zurück.

Bruckmüller legte dar, wie fast alle Minister und Beamte des Österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst dem Kartellverband der katholischen Verbindungen in Österreich angehörten (Beispiel: Hugo Hantsch). Um methodische Innovationen zeigte sich offenbar keiner von ihnen bemüht.

Zu einem besonderen Glückfall der Tagung gehörte die Teilnahme des Nestors der österreichischer Geschichtsforschung, Fritz Fellner (Wien), der munter Ergänzungen aus eigener Anschauung vortrug. Auch nach seinen Schilderungen der Geschichtswissenschaft in Österreich 1945 leisteten die „Älteren“ die Restauration. Neue Wege und Fragestellungen der Forschung ergaben sich erst in den späten 1950er/1960er Jahren.

 

Mit Karl Alexander von Müller und der möglichen Charakterisierung seiner Karriere vom ‚Führer’ zum ‚Paria’ setzte sich Matthias Berg (Berlin) auseinander. Schon im Ersten Weltkrieg stand Müller an der Spitze der ‚Meinungsfront’ und zeigte eine starke publizistische Präsenz ‚jenseits der Akteneditionen’. Früh reihte sich Müller in die völkische Mobilisierung ein, um – wie er meinte – die Katharssis des Ständestaates zu überwinden. Müller verzichtete für sein hoch ambitioniertes völkisches Engagement auf seinen Katholizismus, seine monarchische Grundhaltung, seine Mitgliedschaft bei den Rotariern und manches mehr. Berg belegte eindrucksvoll, wie K. A. von Müller in der konsequenten Durchsetzung der NS-Ideologie in der Geschichtswissenschaft keine Anbiederung und kein Amt ausließ, mit Ausnahme des Wechsels von München nach Berlin. Auf diese Weise avancierte Müller zum ‚einflußreichsten Historiker zwischen 1933 und 1945’ in Deutschland.

Aber zugleich mußte er aus der Ämterhäufung folgende, konkurrierende Wünsche bedienen, die Akademie der Wissenschaften in München, die Parteigremien und manche mehr. Berg machte glaubhaft, wie Müller die Grenzen seiner Moderatorenrolle erkannte. Schon 1944 wurde Müller als Akademie-Präsident abgelöst und begann sich wohl innerlich vom NS-Staat zu distanzieren. Während seines Spruchkammerverfahrens sah er sich zu einer Selbstdarstellung genötigt und formte seinen Lebenslauf neu. Die Verbindungen zu Historikern, die in gleicher Weise ihre Lebensläufe umzuformulieren begannen (etwa G. Franz, K. von Raumer), rissen teils ab, andererseits besorgte man sich gegenseitige Entlastungen (u. a. unter den Mitarbeitern der Abteilung Judenfrage im ‚Reichsinstitut für Geschichte des Neuen Deutschlands’, z. B. W. Grau und F. W. Euler). Müller interpretierte nach Berg alle seine Arbeiten in einer für ihn nützlichen Dichotomie: er selbst habe rationale, wissenschaftliche, historische Forschung betrieben, unberührt von der fanatischen, politischen NS-Ideologie.

Reue oder Einsicht waren von Müller nicht zu erwarten. Er wurde als ‚Mitläufer’ eingestuft, 1948 wieder eingestellt, aber zugleich in den Ruhestand versetzt, eine Emeritierung erfolgte nicht. Die Akademie begnügte sich mit dem Ausschluß Müllers. Müller selbst fühlte sich grundlegend verkannt und wurde nun mit seinen Lebenserinnerungen (Aus den Gärten der Vergangenheit, 1952; Mars und Venus, 1954) zum Erfolgsschriftsteller mit großer öffentlicher Wirkung. Für Matthias Berg zeigt sich hierbei paradigmatisch eine Traditionsbildung, die die Zeit zwischen 1919 und 1945 systematisch ausblendete.

Allerdings reüssierte Müller mit fast dreihundert betreuten Dissertationen und zahlreichen in der frühen Bundesrepublik auf Lehrstühlen der Geschichtswissenschaft etablierten Schülern als einer der einflußreichsten Historiker auch nach 1945. Anfängliche Huldigungen, beispielsweise durch Th. Schieder, H. Gollwitzer und in der HZ sowie große Feiern zu seinen Geburtstagen entwickelten sich mit der Zeit speziell unter dem Einfluß der Schüler im amerikanischen Exil zu grundlegender Kritik.

 

Nach Fritz Hartung und Gerhard Ritter war die Berliner ‚Preußenforschung’ in der Geschichtswissenschaft praktisch erst einmal abgewickelt. Nur zwei Ausnahmen traten in den 1950er und 1960er Jahren hervor: Walther Hubatsch und Hans Joachim Schoeps (1909-1980). Dem sich stark vom üblichen Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit abhebenden Hans Joachim Schoeps widmete Frank-Lothar Kroll (Chemnitz) einen engagierten Vortrag. Schoeps erlebte durch seine Herkunft aus emanzipierten jüdischen, akademischen Familien in Preußen, durch seine Sozialisation in der bündischen Jugendbewegung mit der Wertschätzung von Form und Autorität, der Dialektik von Gehorsam, Opferbereitschaft und Führertum, gebündelt in Ansätzen der ‚Konservativen Revolution’, Preußen als existentielle Erfahrung einer Schicksalsgröße. Schoeps verstand sich jedoch zunächst als Religionsphilosoph. Erst durch die Flucht ins Exil nach Schweden 1938 begann er mit historischen Studien. Sie stellen gleichsam die wissenschaftliche Aufarbeitung der existentiellen Erfahrung dar. Schoeps suchte in der Epoche Friedrich Wilhelms IV. von Preußen das geistige Erbe Preußens – im Gegensatz zum desavouierten militärischen Erbe. Dieses geistige Erbe Preußens, paradigmatisch in Denken und Werk der Brüder Gerlach und ihres Kreises erschlossen, war ein ökumenisches, sozialpolitisches, christlich-abendländisches Denken, mit einem Primat der politischen Moral gegenüber dem Staatsnutzen.

Zwar prägte auch Bismarck wie die Gerlachs die pietistische Herkunft und das sozialreformerische Handeln. Aber mit dem 1866er Krieg begann Bismarck eine Politik der militärischen Stärke, die das christlich-abendländische Denken vollständig verdrängte. Sein Buch über Bismarck und dessen Zeitgenossen wünschte Schoeps als Methodendiskussion verstanden zu wissen. Er betrieb durch eine intensive Beleuchtung aller Positionen und Standpunkte damals zugleich eine Zeitgeistforschung, auch, um Ideen für die Gegenwart zu entwickeln. Wissenschaftlich bewußt ein (allerdings vielfach vernetzter) Einzelgänger, entfaltete Schoeps mit seinen Werken eine immense öffentliche Wirksamkeit. Die unter Historikern wohl einmalige Identifizierung des Historikers mit seinem Forschungsgegenstand ließ Schoeps auch Gesellschaften, Parteien und Klubs ‚preußischer Gesinnung’ gründen und unterstützen, die heute exotisch wirken. Hellseherisch erscheint allerdings Schoeps’ seinerzeit einziger Beitrag zum 250jährigen Jahrestag der preußischen Staatsgründung 1958: „Die Ehre Preußens“, vorgetragen im Audimax der FU Berlin. Sein umfangreicher Nachlaß in der Berliner Staatsbibliothek birgt mit der noch weitgehend unerschlossenen, weitgespannten Korrespondenz wertvolles Material.

 

Die großen Kontroversen um Otto Brunner und sein wissenschaftliches Werk sind zwar nicht gelöst worden, aber inzwischen verstummt. Die Debatte um Brunners Kollaboration mit dem Nationalsozialismus beherrschte den Dresdner und den Frankfurter Historikertag. Inzwischen sind neben Brunner auch Hermann Aubin, Werner Conze, Theodor Schieder, Hans Rothfels vor diesem Hintergrund diskutiert worden. Schon im Rahmen des Zeitzeugen-Forums hatte Armin Wolf (Frankfurt am Main) als Brunners Schüler in Hamburg ein eindrucksvolles, sehr persönlich gehaltenes Bild eines Lehrers mit höchstem Anspruch an die Quellenkritik gezeichnet. Reinhard Blänkner (Frankfurt/Oder) verstand es nunmehr, Otto Brunner als exemplarische Historiker-Biografie seiner Zeit vorzustellen. Otto Brunner wählte seine persönliche Erfahrung vom ‚Verlust der Mitte’ mit dem Untergang der k. u. k. Monarchie, der daraus resultierenden geopolitischen Verschiebung als Ausgangspunkt für die Frage nach neuen Möglichkeiten der Ordnung. Hierbei gerieten unmittelbar die Begriffe ,Volk’ und ,Reich’ in den Focus von Brunners Forschungen, und mit deren wissenschaftlicher Adaptierung machte er in der österreichischen Geschichtswissenschaft der 1930er und auch in den 1940er Jahren rasch Karriere, bis zum Lehrstuhlinhaber und Direktor des IÖG. Nach 1945 verlor Brunner seine akademischen Ämter und sah sich zunächst beruflich vernichtet. In einem Umdenkungsprozeß versuchte sich sodann, sich durch verschiedene Publikationen in die Nachkriegsdemokratie einzuordnen. Da Brunner 1925 evangelisch geworden war, sich in Österreich nach 1945 jedoch mit Leo Santifaller die katholische Akademikerschaft profilierte, wandte sich Brunner nach Hamburg, wo auch Hermann Aubin und Gustav Adolf Rein eine zweite Karriere ermöglicht worden war. Mit der Grundkonstante des ‚kommunikativen Beschweigens’ (Hermann Lübbe) gelang es Brunner innerhalb dieser Kollegenschaft, sein wissenschaftliches Werk fortzusetzen. In seinem zweiten Hauptwerk über ‚Adeliges Landleben und europäischer Geist’ (1949) setzt Brunner den nun vollständig fehlenden Ideen um Volk und Reich die Untersuchung vom Haus/Oikos als dem zentralen Thema europäischen Denkens von Homer bis Goethe entgegen. In einer Abkehr von jeder Art von Kollektiv stellt Brunner nun den Menschen, die Person in den Mittelpunkt und entwickelt eine Soziallehre des Hauses als Tugendlehre. Mit seiner Mitarbeit am Handbuch der geschichtlichen Grundbegriffe und mit dem Band ‚Neue Wege der Sozialgeschichte’ (1956) beispielsweise entfaltete Brunner eine starke Folgewirkung für die Interpretation auch der Gegenwart (H. Arendt, Luhmann, Habermas).

 

Bernd Rusinek (Jülich) entwickelte Karrieremuster der Historiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand von Biografien der „Westforscher“ am Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande (IGL, gegründet 1886/1920). Neben den Gründern Theodor Frings und Hermann Aubin skizzierte Rusinek die wissenschaftlichen Biografien der auf Aubin folgenden Leiter Franz Steinbach und Franz Petri. Hermann Aubin, ein Offizier der österreichischen Armee, der seinen Zunamen nach der NS-Zeit wieder französisch aussprechen ließ, propagierte eine ‚kämpferische Landesgeschichte’. Auch Steinbach war Offizier gewesen, seit 1940 in der Militärverwaltung in Brüssel. Petri hatte sich tiefgreifend nationalsozialistischer Ideologie verschrieben (er habilitierte sich 1935 über Rassekarten), so dass er nach 1945 sein Auskommen als Lateinlehrer finden musste. Bald jedoch wurde er ,rehabilitiert’ und blieb bis 1968 Direktor des IGL. Nach 1945 erforschten alle genannten Professoren die ‚Völker-Gemeinschaft in Europa’. Auch der Nachfolger des Sprachwissenschaftlers Theodor Frings, Leo Weisgerber, hatte sich als Theoretiker der ‚Muttersprache’ profiliert und nach 1945 einen DFG-Schwerpunkt ‚Sprache-Gemeinschaft’ gründen können. Nur mit Hindernissen gelang die Anpassung des Mediävisten Leo Just nach 1933. 1934 widmete er sich Lothringen und der Saar und beteiligte sich an der ‚Historikerschlacht um das linke Rheinufer’.

Bernd Rusinek zeichnete vor dem Hintergrund der Biografien des IGL-Personals „professorale Karrieremuster“ mit den Grundkonstanten Kollaboration und Opportunismus. Schon am Tag nach dem Krieg wurden bei britischen und amerikanischen Stellen erste Anträge auf Projektgelder eingereicht. Zwischen dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der Zeit nach 1945 war Geschichtswissenschaft in der Skizze Rusineks stets die ‚Absetzung vom vorher’, um ein Höchstmaß an Förderung für den eigenen Institutsbetrieb sichern zu können. In einem betriebswirtschaftlichen Exkurs erläuterte Rusinek den epistemologischen Vorteil, der die Nähe zum Untersuchungsfeld überwinden läßt. Für ihn sind Historiker beim Angebotsmarkt stets in der schlechteren Position. Dies erzeugt einen jeweils starken Anpassungsdruck. Diese methodische Variante blieb in der Diskussion nicht ohne (z. T. heftigen) Widerspruch.

 

Über Kontinuität und Reformierung der Volkskunde in beiden Teilen Deutschlands nach 1945 berichtete Friedemann Schmoll (Augsburg). Er stellte den Jugenheimer Kongreß der Volkskunde 1951 als öffentlich inszenierten Neubeginn vor. Mit 250 Referenten, darunter zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Theodor Heuss als Schirmherr), wurde ein neuer Anfang versucht. Auch die Themen forderten damals hierzu heraus: die Heimatvertriebenen mit ihren Besonderheiten, die Akkulturation von unzähligen Flüchtlingen, die Transformation der Europa-Idee in ihrer neuen Dimension, die Entideologisierung und Internationalisierung, die Einbindung in die ‚Block-Ordnung’ der Politik.

In der NS-Zeit war in der Wissenschaft vollzogen worden, was in den Jahren davor bereits in der Volkskunde an akademischem Potential entwickelt worden war. Allerdings wurden in der NS-Phase zahlreiche Lehrstühle mit ‚Paladinen’ der Parteigrößen besetzt. An die Stelle der Theorie trat die Ideologie. Die Volkskunde wurde ein Verlautbarungs-Organ der Mythologien des Amtes Rosenberg. Sie unterlag einem Radikalisierungsprozeß und einer Monopolisierung durch die Zensur. Einzige Themen waren Bauernleben und Rasse. Ihre Anwendung reduzierte sich auf die ‚völkische Erziehung’.

Nach 1945 stellte der Soziologe Heinz Maus die Volkskunde als Wissenschaft grundsätzlich in Frage. Dagegen verwahrte sich der unbelastete Ethnologe Will-Erich Peuckert. Die Volkskunde sei, so Peuckert, eine Wissenschaft, die es ‚auch’ gab. Der Nationalsozialismus habe die Wissenschaft der Ethnologie verdeckt. Mit diesem Persilschein ersparte sich die Volkskunde die Aufarbeitung. Peuckert entlastete von nötigen Revisionen, die ‚neuen’ Männer waren die alten: John Meier und Adolf Spamer in der SBZ. Der vielseitige Remigrant Wolfgang Steinitz reorganisierte die Volksskunde in der DDR. Die Blüte der Volkskunde im Osten Deutschlands dynamisierte die in Rückstand geratende Volksskunde des Westens. Unter anderem durch Hans Moser wurde die Entideologisierung durch den Wiederanschluß an die internationale Ethnologie vollzogen. Mit ungebrochenem Selbstbewußtstein nahm man an zahlreichen internationalen Kongressen teil und thematisierte das ‚große abendländische Kulturstreben’. In einer bemerkenswerten Anstrengung errang die deutsche Volkskunde nach 1945 erneut die Meinungsführerschaft in Europa. Der Kongreß von 1951 war hierzu ein Meilenstein. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erfolgte erst Anfang der 1960er Jahre. Anhand zahlreicher Umbenennungen von Instituten und Fächern an Universitäten thematisierte Schmoll abschließend den programmatischen Charakter der (Neu-) Bewidmungen.

 

Auch Wolfgang Weber (Augsburg) konstatierte unter dem Titel »Klios wunderbare neue Welt« ‚relativ belanglose Umschichtungen im Fach’. Für die Zeit von 1945 bis 1960 zeigte sich die Geschichtswissenschaft durchweg als konservativ und ermangelte einer Pluralität der Ansätze. Weber schilderte sie als ‚Kartell verschiedener strategisch ausgerichteter Eliten’. Erst seit 1961 und häufiger seit den 1970er Jahren finden sich Ausschreibungen freier Stellen. Weber lieferte hierzu eine soziologische Beschreibung der Pluralisierung der Ordinarienlandschaft und fragte: ‚Wie kommt man auf die erste Professur?’ Die Landschaft kennzeichnete Renegaten- und Verächtertum, wenige Einzelgänger. Ebenfalls im Rückgriff auf ökonomische Modelle schilderte Wolfgang Weber die Marktlage für Historiker: Jubiläen, eine Vielfalt an Fachjournalen, eine große Zahl von Fachverlagen, eine steigende Absatzerwartung, neue Auslandsinstitute, die Internationalisierung des Tagungswesens boten Möglichkeiten, die Karriere zu entwickeln. Nebenbei schilderte er das Rezensionswesen als Mittel der Karrieresteuerung.

Die Clusterbildung entspricht dann dem SFB-Drittmittelwesen: Exzellenz gewönne die stetig gesteigerte Produktion mit immer mehr Personal. Beispielhaft umriß Weber einleitend die Schulbildung in der Geschichtswissenschaft seit den 1960/70er Jahren. Der Bielefelder Schule ständen die Neuhistoristen, die Alltagshistoriker und als Sondergruppe die katholischen Historiker gegenüber.

Webers Thesen eröffneten eine engagierte Schlussdiskussion, in der nochmals die ‚Großen’ der Nachkriegszeit unter eine kritische Lupe genommen wurden. Abschließend wurde angesichts einer mutigen selbstreferentiellen Konzeption der Tagung vielfach gefordert, die zahllosen Detailforschungen intensiv fortzuführen. Für die Vorstellung weiterer Ergebnisse sollen im kommenden Jahr, dem 50. Jubiläum der Gründung der ‚Büdinger Gespräche’, diese selbst und ähnliche Tagungsunternehmen vorgestellt und diskutiert werden.

 

Die Publikation der Tagungsbeiträge in der Reihe, die die »Büdinger Forschungen zur Sozialgeschichte« fortsetzt, ist in Vorbereitung.