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Ein Augsburger Wappenbrief des 16. Jahrhunderts und sein Aussteller

von Volkhard Huth


 

Georg Ilsung (*ca. 1510, † 4.10.1580) behauptet als energische Persönlichkeit einen festen Platz in der an illustren Charakteren gewiß nicht armen Reichsgeschichte des konfessionellen Zeitalters. Aus altem augsburgischen Patriziergeschlecht stammend, das sich schon im ausgehenden 16. Jahrhundert eine adelsstolze Traditionsbildung zulegte, war er als Sohn eines umtriebigen Kaufmanns und der Tochter eines Kramers, der sich auch als Bergwerksunternehmer engagierte, in zwei wirtschaftlich gut bestallte Ratsfamilien der Reichsstadt hineingeboren worden. Hier schloß zu Ilsungs Lebzeiten 1555 der noch von Kaiser Karl V. einberufene, dann von dessen Sohn Ferdinand geleitete Reichstag jenen bedeutsamen Religionsfrieden, der den Abschluß von Kirchenspaltung und Glaubenskämpfen durch einen staatlichen Ausgleich herbeizuführen suchte: man beschloß eine Toleranzpraxis im Verhältnis von römisch-katholischer und lutherisch-augsburgischer Konfession. Für kaum eine andere Stadt hatte dieses diffizile Vertragswerk, das freilich auf Kosten insbesondere der davon ausgeschlossenen Konfessionen (Zwinglianer, Calvinisten oder Täufer) ging, solch’ vielfältige praktische Auswirkungen wie für Augsburg, wo beide großen Konfessionen nicht nur im kirchlichen Lebensraum täglich aufeinanderstießen und auf ein konstruktives Zusammenwirken angewiesen waren.
Das belegt nebenbei auch der interessante Wappenbrief, der hier kurz vorzustellen ist und sich wie das Gros der frühneuzeitlichen Buch- und Handschriftenbestände (samt einzelner urkundlicher Überlieferungen) im IPG einer Zustiftung Niklas’ Freiherrn von Schrenck und Notzing (Charlottesville/Virginia) verdankt. Mit feierlichen Diplomen verliehen seit dem späten Mittelalter gerne König und Landesherren Wappen an Personen oder Familien – und ließen sich diese „Wappenbriefe“ mit hohen Gebühren gut bezahlen, was die starke Zunahme dieses erstmals seit dem 14. Jahrhundert zu bezeugenden Ausstellungsbrauchs seitens der Verleiher motiviert;  umgekehrt verlangten Sozialprestige und Repräsentationsbedürfnis der Empfänger nach diesen Verleihungen. Die Vergabepraxis stieg vehement mit der Einrichtung des Hofpfalzgrafenamtes, eine Eigentümlichkeit der Rechtsgeschichte des alten römisch-deutschen Reiches. Die vom Monarchen verliehene Würde des Hofpfalzgrafen berechtigte den Würdenträger zu diversen Akten freiwilliger Gerichtsbarkeit (und auch Gnadenerweisen), etwa namens des Kaisers Wappenbriefe an Bürger auszustellen, uneheliche Kinder und Adoptionen zu legitimieren, Dichter zu krönen, den Doktortitel zu vergeben oder Notare zu ernennen. Hingegen zählte es nicht zur Verfügungsgewalt der Inhaber dieses ,Kleinen Palatinats’, jemanden in den Adelsstand zu erheben. Dieses Privileg war Exklusivrecht des ,Großen Palatinats’, mit dem der Kaiser vorzugsweise Fürsten und Grafen ausstattete. Neben den Verleihungsdiplomen (und ihren Konzepten) existiert auch eine zentrale Buchführung über die Vergabepraxis, die in den seit dem späten Mittelalter zunehmend kontinuierlich geführten Reichsregistern dokumentiert wird (in Wien). Aus dem Nachlaß von Jürgen Arndt (1915-1998), eines Pioniers der Hofpfalzgrafenforschung, besitzt das IPG in Bensheim umfängliche Materialien und eine Registerkartei zu den Palatinatsverleihungen vom 14. Jahrhundert bis zum Ende des Alten Reiches.
Ihr ist auch zu entnehmen, daß Georg Ilsung den (Kleinen) Palatinat am 18. April 1569 durch Kaiser Maximilian II. in Wien verliehen bekam. Rund zweieinhalb Jahre später stellte Ilsung dann den hier anzusprechenden Wappenbrief aus: so weit zu sehen ist, überhaupt die erste für ihn bis jetzt nachgewiesene Vergabe eines Wappenbriefes. Dessen Exemplar im IPG scheint indessen nur die Konzeptfassung zu sein. Darauf verweist zum einen der Schriftbefund, läßt doch nach der zunächst noch formbewußt daherkommenden ersten Zeile in Auszeichnungsschrift schon bald das Bemühen des Schreibers um einheitliche, kanzleikonforme Schrift deutlich nach, schwankt der nun stärker ausreißende Duktus. Zum andern wurde als erwartbarer Beschreibstoff nicht das dem prestigeträchtigen Rechtsakt angemessene, kostbarere Pergament gewählt, sondern Papier. Schließlich ist die von der Hand des Urkundenschreibers links unterhalb des Textes neben dem Vermerk „Georg Ilsung Landvogt / In Swaben“ in gleicher Tinte angebrachte Subscriptio des Ausstellers gewiß nicht von diesem vorgenommen worden, sondern stellt nichts anderes dar als eine pragmatisch hingekritzelte Schraffur, die, wie auch noch heute bei Briefentwürfen gelegentlich exerziert, die später in der Reinschrift an dieser Stelle anzubringende Unterschrift simulieren sollte.
Wir haben also das Konzept, nicht die Reinschrift dieses Wappenbriefes vor uns, trotz des hübsch kolorierten, zentralen Wappenbildes, das erkennbar vor der Beschriftung in Form eines Hochrechtecks in Deckfarbenmalerei auf dem Blatt angebracht worden ist. Dieses ist heute auf graue Leinwand aufgeklebt, und angesichts des erwiesenen Konzeptcharakters erübrigt sich alle Spekulation darüber, daß das Palatinatssiegel Georg Ilsungs, auf das als Bekräftigungssymbol im Text bezug genommen wird, tatsächlich jemals an dieser Ausfertigung gehangen haben könnte. Gleichwohl ist das heute 48, 8 cm hohe und 62, 5 cm breite Blatt (Wappenbild: 10, 8 x 8, 1 cm) beschnitten worden, wie sich an einigen Oberlängen der Auszeichnungsschrift sowie ganz deutlich an der nun unvollständigen Unterschrift des Schreibers in der äußeren unteren rechten Blattecke erweisen läßt: „Scribsit [!] Joh. Thomas Schmid no[tarius].“
Doch blieb uns somit der Name des Schreibernotars erhalten, und trotz seiner Schlichtheit verweist er vielleicht auf eine bemerkenswerte Beziehung: könnte er doch sogar ein Verwandter des Wappenbrief-Empfängers sein, eines gewissen „Christoff Schmid“. Wegen der Allfälligkeit des Familiennamens ist das schwer zu erweisen, wäre aber eine prosopographische Recherche in Augsburger Archiven wert. Denn auch wenn der Ausstellungsort nicht genannt wird, der Empfänger des auf den 30. November 1571 datierten Wappenbriefes dürfte wie sein Aussteller aus Augsburg stammen und mit dem in einer ganzen Reihe von Weberakten, Steuer- und Pflegschaftsbüchern des Stadtarchivs Augsburg verzeichneten Baumwollhändler und Firmeninhaber Christoph Schmid zu identifizieren sein, der jedenfalls vor 1552 geboren wurde und 1611 starb. Von 1579 bis zu seinem Tod gehörte er der Augsburger Kaufleutestube an und saß zeitweilig im Großen Rat der Stadt, doch ist er auch mit längeren Aufenthalten in Italien zu belegen, so 1575 in Venedig und 1586 in Aquila. Er übte also längst nicht mehr das namengebende Handwerk früherer Vorfahren aus, auf das sich gleichwohl das sprechende Wappen bezieht, das er sich verbriefen ließ und in der oberen Schildhälfte wie auch im Kleinod über dem Helmbausch das Halbporträt eines grauhaarigen, in einen schwarzen Rock mit goldenem Revers und Knöpfen gekleideten Schmiedes zeigt, der in jeder Hand einen Schmiedehammer schwingt. Dieses Wappen also verlieh Georg Ilsung kraft seines Amtes dem Christoph Schmid, „seinen Etlichen Leibs Erben und derselben Erbes Erben“ in alle Ewigkeit wegen der (floskelhaft betonten) Verdienste, die sich der Ausgezeichnete um Kaiser und Reich erworben habe: „einen Schildt in zween gleiche theil überzwerch abgetheilt der unter Roth und am grund desselben über sich gehend ein weiße oder Silbersche Streiffen und der obertheil gelb oder Goldfarb …“
Anders als die katholisch gebliebene Familie Ilsung gehörten Christoph Schmid und seine Familie der damals im wohlhabenden, politisch einflußreichen Kaufleutemilieu Augsburgs noch stark vertretenen protestantischen Bevölkerungsgruppe an. Georg Ilsung hingegen, dessen Finanzkraft und Wirken weit über den Aktionsradius eines Christoph Schmid hinausreichten, wäre ein protestantisches Bekenntnis nicht gut bekommen: schlug er doch, damit ganz in der Traditionslinie von Vater und Schwiegervater, eines Bankiers und Finanzagenten Kaiser Maximilians I. und König Ferdinands, eine glänzende Laufbahn unter diesen wie den beiden ihnen nachfolgenden Herrschern aus dem habsburgischen Kaiserhause ein. Ohne den glorreichen Aufstieg seines Schwiegervaters Johann Loeble von Greinburg († 1544), der mit einer Frau aus dem elsässischen Adelsgeschlecht der Kageneck verheiratet war, und sein robustes Verwandtengeflecht wäre allerdings auch der äußerst tüchtige und erfolgreiche Augsburger Finanzmakler Georg Ilsung wohl kaum in die hohen Ämter gelangt, die ihn schließlich in der ersten Liga der europäischen Politik mitspielen ließen. Die von ihm auch ökonomisch geschickt genutzte Burgvogtei Enns erhielt er nämlich von seinem Schwiegervater, der es zum „obristen Hofpfennigmeister“, einem von Maximilian I. 1495 geschaffenen Amt, gebracht hatte, und er tauschte sie schon wenige Jahre später von seinem Schwager gegen die Landvogtei Schwaben ein. Damit nahm er in Oberschwaben und im Allgäu eine dominante Position ein. Seine Macht und sein Reichtum wuchsen weiter, als es ihm gelang, sich als Finanzberater des Kaisers, aber auch Erzherzog Ferdinands von Tirol unentbehrlich zu machen, mit dessen erster Gemahlin, Philippine Welser, Georg Ilsung verwandt war. Dabei stellte er sich unbekümmert in den Dienst einer monopolistischen Finanzpolitik des Kaisers, in dessen Namen er wichtige Steuern einzog, Zölle, Bergwerkskonzessionen und Verpfändungen kontrollierte. Den kaiserlichen Geldhunger stillte er durch geschickte Transaktionen, insbesondere mit Rückendeckung der Fugger, denen er sich auch privat verband: seine Tochter Anna verheiratete er 1570 mit Jakob IV. Grafen Fugger (1542-1598). Sein Neffe Johannes Achilles († 1609) gehörte zu den führenden Diplomaten der Kaiser Maximilian II. und Rudolf II.

Von seinem Schwiegervater übernahm Georg Ilsung sein wichtigstes Amt, das er nun mit dem Titel eines „Reichspfennigmeisters“ versah. Bisweilen wurden seinem Aktionsdrang aber auch Grenzen gesetzt, am heftigsten wohl 1569, als der sächsische Kurfürst Ilsungs Vorhaben vereitelte, zugunsten Kaiser Maximilians II. ein böhmisch-sächsisches Zinnmonopol zu errichten. Genau in diesem Jahr aber erlebte er seine Ernennung zum Hofpfalzgrafen, ein Jahr nach seiner Erhebung in den Reichsfreiherrenstand. Eine zufällige zeitliche Koinzidenz ?

Schon 1554 hatte Georg Ilsung von einem anderen ihm verwandten Exponenten der Augsburger Finanzwelt, dem seinerseits kaiserlichen Rat Mathias Manlich, das wundervolle Renaissanceschloß Tratzberg im Inntal gekauft, das einst noch als Jagdschloß im Besitz Kaiser Maximilians I. gewesen war und noch heute einen grandiosen Gemäldezyklus mit dem Habsburgerstammbaum birgt, entstanden 1504 bis 1508. Tratzberg ließ Ilsung gemäß seinen Repräsentationsbedürfnissen stark umgestalten; noch heute erinnert dort an ihn eine ehrfurchtgebietende Marmortafel über dem Einfahrtstor zum Hof, die er selbst hat anbringen lassen. Sie verrät auch einiges von seinem mäzenatischen Anspruch und fällt in das gleiche Jahr 1571 wie sein Wappenbrief für den Augsburger Mitbürger Christoph Schmid.
1577 gab Ilsung dann sein Augsburger Bürgerrecht auf, um sich ganz dem Reichsdienst zu widmen – freilich, nicht ohne sein Begräbnis und sein Gedenken in Augsburg zu regeln. In der südlich des Domes zwischen diesem und St. Johann gelegenen Dreikönigskapelle, die seiner Familie als Grablege diente und die Georg Ilsung 1576 renovieren ließ, soll er sich damals ein pompöses Grabmal ausersehen haben. Leider ist uns diese Grabstätte nicht erhalten geblieben und von der Innenausstattung der Kapelle, die 1804 abgebrochen worden ist, auch sonst nichts mehr bekannt. Um so mehr gewinnt ein – wenn auch nur indirektes – Lebenszeugnis dieser noch längst nicht hinreichend erforschten Renaissancepersönlichkeit an Bedeutung, das uns ausschnitthaft am Wirken des „Landvogt[es] in Ober und Nider Schwaben und Vogt zu Neuburg am Rein Ritter und Comes Palatinus“ teilhaben läßt, wie er sich in unserem Wappenbrief selbst betitelt.

Literatur: Friedrich Blendinger, „Ilsung, Georg“, in: NDB 10, 1974, S. 142f. (mit der älteren Lit.); Gerhard Seibold, Die Manlich. Geschichte einer Augsburger Kaufmannsfamilie, 1995; Wolfgang Reinhard (Hg.), Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts. Prosopographie wirtschaftlicher und politischer Führungsgruppen 1500-1620, 1996; Sighard Graf Enzenberg, Tratzberg. Renaissancejuwel im Inntal, 2000.