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Wer war Giosafat Bandini?

Überlegungen zu einem rätselhaften Exlibris

von Volkhard Huth

 

Die oberitalienische Stadt Vicenza, heute Hauptstadt der gleichnamigen Provinz innerhalb der Region Venetien, verdankt ihren weltweiten Ruhm vorwiegend den Bauten, die der große Architekt Andrea Palladio (1508-1580) in ihr geschaffen hat. Doch auch die Familie Loschi hat tiefe Spu­ren in der Stadtgeschichte gezogen: zuerst wohl mit dem schon hier geborenen und auch gestorbenen Humanisten Antonio Loschi (ca. 1368-1441), dessen Vater noch in Dien­sten der Stadtherrscher aus dem Geschlecht der Scaliger (Della Scala) gestanden hatte. Aus Antonios Ehe mit der Mailänder Adligen Elisabetta Brivio ging der kaum weniger bekannte Sohn Niccolò hervor (1415-1439), der, unter un­geklärten Umständen, noch vor seinem Vater starb. Schon zu seiner Zeit, in der Vicenza bereits zur Republik Venedig gehörte, besaß die Familie u. a. zwei Petrarca-Codices mit eigenhändigen Eintragungen des Dichters, heute in der Biblioteca Nazionale zu Neapel. Niccolò erwarb 1436 au­ßerhalb der Stadtmauern auf dem Gebiet der heutigen Kommune Monteviale das Landgut Biron von dem Vicenti­ner Benediktinerkloster SS. Felice und Fortunato. Dort steht noch heute, geprägt vom nachmaligen Baustil des vene­zianischen Barock, die Familienvilla Loschi Zileri Motterle, zu deren Ausstattung im 17. Jahrhundert auch Graf Alfonso Loschi beigetragen hat. Seine genauen Lebensdaten sind schwer zu ermitteln, der ›Dizionario biografico degli Italiani‹ kennt ihn nicht, und die kargen bio-bibliographischen An­gaben zu seiner Person beschränken sich weltweit auf die Jahreszahlen 1652 und 1668: die Daten der beiden ersten Auflagen seines weit verbreiteten genealogischen Werkes ›Compendi Historici‹, das noch in Vicenza selbst erschien.

Die IPG-Bibliothek besitzt dieses Werk, dank einer Zustif­tung Baron Schrencks, in einer jüngeren, 1694 dann schon zu Bologna gedruckten Auflage. Sie bietet leider nicht mehr den Kupfertitel der Erstauflage, der auf die Entführung der Europa durch Zeus Bezug nahm: keine beliebige Illustra­tion, sondern gleichsam der mythologisch-allegorische Prolog zum genealogischen Stoff des Bandes. Denn die Szene bildete den göttlichen Ursprung einer Dynastie ab, während dann, im realhistorischen Bezugsrahmen des Buches, die großen Herrscherdynastien Europas abgehan­delt wurden, beginnend — noch vor dem Kapitel zur Casa d'Austria — mit einer Herleitung des französischen König­tums, das Loschi mit den Merowingern einsetzen läßt.

 

 

Unserer IPG-Ausgabe fehlen auch die der Erstausgabe of­fenbar beigegebenen Falttafeln mit diversen Stemmata. Hingegen ist unsere Institutsausgabe von 1694 inhaltlich bis zum Berichtsjahr 1693 heraufgeführt worden, sichtlich nicht, wie auch aus der Vorrede des Druckers an den Leser hervorgeht, von Alfonso Loschi selbst, von dem Zedlers re­nommiertes ›Grosses Universal-Lexicon‹ von 1738 immer­hin zu berichten weiß, er habe in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gelebt.

 

Unterhalb der Titulatur unseres Bandes schwebt ein po­saunenblasender Putto, der in seiner linken Hand einen Lorbeerkranz mitführt (Abb. 1). Ansonsten ist das Erschei­nungsbild wenig imposant, hat doch an unserem Exemplar der Zahn der Zeit nur allzu fühlbar genagt. Der Pergament-einband ist durch Wurmfraß, der sich dann auch über einige Dutzend Seiten des Bandes fortsetzt, gehörig durchlöchert.

Dafür weist dieses Exemplar eine Besonderheit auf, die mit seinem ganz eigenen Schicksal zusammenhängt und vie­lerlei Assoziationen hervorruft. Sie stehen für die Einzigar­tigkeit unseres speziellen Bandes, und sie lenken den Blick auf eine toskanische Familie, die seit dem späten Mittelal­ter auch nördlich der Alpen ihre Kreise zog. Denn auf dem Vorsatzblatt ist mit brauner Tinte ein Exlibris aufgetragen worden (Abb. 2). Oberhalb des getuschten, jedoch nicht kolorierten Wappens ist in einer Banderole der Name Ban­dini zu lesen, und unterhalb der Wappendarstellung findet sich, in gleicher Tinte, der Nameneintrag: Giosafat Bandini. Wer aber war Giosafat Bandini ?

Angesichts des Wappens muß die Antwort lauten: jeden­falls ein Angehöriger der alteingesessenen, ›guelfischen‹ Florentiner Familie der Bandini Baroncelli, wie sich dieser Zweig seit dem 14. Jahrhundert zeitweilig benannte. Das erinnerte noch an ihre Abkunft von der rocca di Baroncello nahe Bagno a Ripoli, von wo aus sie im hohen Mittelalter nach Florenz gekommen war. In der aufstrebenden Han­dels- und Bankenmetropole erlebte auch sie ihren wirt­schaftlichen und sozialen Aufstieg, der bald auch in die Signoria führte und einigen Familienvertretern das höch­ste Ratsamt des gonfaloniere eintrug. Der sich später vom Herkunftsnamen ablösende Name Bandini indessen rührte vom Bandino her, einem Borgo im Süden von Florenz, wo man wiederum noch heute die Villa del Bandino bzw. Casa di Fattoria vorfindet, den um die Mitte des 14. Jahrhunderts errichteten Palazzo der bald kräftig emporblühenden Fami­lie. Deren Handelsgeschäfte brachten sie in Beziehung zum Königreich Neapel, zum andern standen Mitglieder dieser früh den degne case zugerechneten Familie in Diensten der herausragenden Handelshäuser der Medici und der Pazzi. Einer dieser einflußreichen Handelsvertreter, Pierantonio Baroncelli, ist 1475 in der Pazzi-Filiale von Avignon nach­weisbar, unterhandelte mit dem Herzog der Bretagne und ließ sich von der Herzogin von Burgund zu deren Valet de Chambre ernennen, wohl als Dank für die Kredite, die er ihr besorgte. Ähnlich dem Medici-Geschäftsträger Tommaso Portinari ließ er sich dann in Brügge, dem Zentrum des Tuchhandels, nieder und gehörte dort wie Portinari noch 1489 zu den Gläubigern König Maximilians I., und gleich Portinari muß er auch ein bedeutender Kunstförderer ge­wesen sein. So hat sich sein Porträt von der Hand eines an­onym gebliebenen flämischen Meisters erhalten; ein Werk hohen künstlerischen Ranges, das Aby Warburg im frühen 20. Jahrhundert als eine Referenz seiner klassischen Studie ›Bildniskunst und florentinisches Bürgertum‹ dienen sollte.

 

Auf dem Porträt des Pierantonio Bandini Baroncelli findet sich nun, ganz am oberen Bildrand in ein bleiverglast dar­gestelltes Fenster eingelassen, genau das gleiche Wappen wieder, das auch noch Giosafat Bandini seinem Exlibris in unserem Loschi-Band zugrunde legte: ein in den wechseln­den Farben silber und rot quergestreifter Schild („bandato d’argento e di rosso“). Auch wenn im IPG-Exlibris der Wap­penschild nur in den Konturen gezeichnet, aber eben nicht ausgemalt wurde, entspricht er doch dem Bandini-Wap­pen, wie es z. B. auch in einem bislang unerforschten Wap­penbuch toskanischer Bischöfe aus dem 17. Jahrhundert wiederkehrt (Abb. 3), das unser Institut 2010 antiquarisch erwarb und das den Lesern in einer der nächsten Ausgaben dieser ›Mitteilungen‹ noch näher vorzustellen sein wird. Hier steht das Wappen auf pag. 29 einer Eintragung zu Kar­dinal Ottavio Bandini (1558-1629) voran. Dieser hatte nach einer längeren Studien-Kavalierstour durch einige der be­deutendsten europäischen Universitäten eine glänzende Kirchenlaufbahn eingeschlagen. Schon 1590 nominierte ihn das Sacro Collegio zum Präfekten des Konklave, und es sollte ausgerechnet Kardinal Alessandro de‘ Medici, einem Sproß des seit der Pazzi-Verschwörung von 1478 mit den Bandini in Todfeindschaft geratenen Fürstenhauses, vor­behalten bleiben, Ottavio Bandini in Rom zum Erzbischof von Fermo zu ordinieren. Im gleichen Jahr 1596 war Ottavio Bandini durch Papst Clemens VIII. zum Kardinal erhoben worden. Nach Ausübung weiterer hoher Kurienämter verstarb Ottavio am 1. August 1629 und wurde in der römischen Kirche San Silvestro al Quirinale beigesetzt, in der er eine Kapelle zur Familienmemoria gestiftet hatte.

Doch damit wird unser Exlibris, das wir dem Schriftbefund nach wohl ins 18. Jahrhundert zu setzen haben, vollends zum Rätsel: denn Kar­dinal Ottavio Bandini war der letzte männliche Sproß des alten Fami­lienzweiges der Bandini, der eben allein jenes Wappen führte. Zwei Nichten des Kardinals heirateten in andere Adelsfamilien Italiens ein, die zwar die Traditionslinien der Bandini sogar namentlich aufnahmen, aber natürlich nicht das vorliegende Wappen identisch weiterführten.

Allerdings lebte offenbar ein Bandini-Zweig über die frühen Handels­niederlassungen in Avignon und Lyon weiter. Nach den Angaben Scipione Ammiratos in Band XI der weitläufigen ›Istoria Fiorentina‹, er­schienen Florenz 1783, soll seinerzeit noch in der Dominikanerkirche von Avignon, wo sich der in Frankreich seßhaft gewordene Bandini-Zweig ein Erbbegräbnis einrichtete, ein Glasfenster mit dem alten Bandini-Wappen zu sehen gewesen sein. Doch war das bis jetzt für den Unterzeichneten noch nicht nachprüfbar und in den Reihen der französischen Bandini auch bislang kein Giosafat Bandini zu ermitteln, wiewohl die Literaturlage so schlecht nicht ist.

Freilich trägt sie nicht immer zu wünschenswerter Klarheit, wohl aber zu steigender Spannung bei: berichtet Graf Charpin-Feugerolles in sei­ner Monographie über die Florentiner in Lyon doch von einem Marquis Joseph Bandini, der König Ludwig XVI. nahegestanden habe und wie dieser der Revolution zum Opfer gefallen sei. Hätten wir gar in diesem Joseph Bandini, der dann seinen Vornamen, vielleicht in Zeiten dra­matischer Bedrängnis, zu dem biblisch noch bedeutungsschwereren Namen ›Giosafat‹ („der Herr ist Richter“) moduliert haben könnte, den früheren Besitzer unseres Loschi-Bandes zu sehen? Das ist nicht zu be­weisen, und es hilft auch nicht Charpin-Feugerolles‘ Bezugsgrundlage weiter, eine nur einige Jahrzehnte ältere Monographie von Agostino Ademollo und Luigi Passerini über Marietta de Ricci (Florenz 1853), die leider keine Belege für die zitierten Angaben zu Joseph Bandini bereit­hält, wohl aber zu Zweifeln Anlaß gibt. Auch besteht definitiv keine Verwandtschaft zu dem berühmten Florentiner Bibliothekar Angelo Maria Bandini (1726-1803), der seinerseits einen Bruder namens Giu­seppe hatte, doch entstammten beide einem bürgerlichen Geschlecht aus Fiesole.

So bleibt noch alles offen und stehen wir weiter vor einem Rätsel. Wer kann zu seiner Lösung beitragen? Wer war Giosafat Bandini?

 

Literatur (in Auswahl):

  • Scipione Ammirato, Della Fa­miglia de‘ Baroncelli, e Bandini, in: Istoria Fiorentina di Marchionne di Coppo Stefani publicata ... da Fr. Il­defonso di San Luigi, Bd. XI, Florenz 1783, S. 200-237;
  • Jean-Antoine Pithon-Curt, Histoire de la noblesse du Comté-Venaissin d’Avignon et de la pincipauté d’Orange …, Bd. I, Paris 1743/Ndr. Marseille 1970;
  • Hyppolyte André Suzanne de Charpin-Feugerolles, Les florentins à Lyon, Lyon 1893;
  • Giovanni Battista Crollalanza, Dizionario storico-blasonico delle Famig­lie Nobile e Notabili Italiane Estinte e Fiorenti, Bd. I, Pisa 1896;
  • Emile Picot, Les italiens en France au XVIe siècle, Bordeaux 1918/Ndr. Manziana (Rom) 1995;
  • Aby War­burg, Bildniskunst und florentinisches Bürgertum, in: Ders., Gesammelte Schriften, hg. von der Bibliothek Warburg. Bd. 1: Die Erneuerung der heidnischen An­tike. Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Geschichte der europäischen Renaissance, Berlin 1932, S. 89-126;
  • Paul Wescher, Großkaufleute der Renaissance. In Bio­graphien und Bildern, Frankfurt/Main o. J.;
  • Le famiglie di Firenze. Testi e ricerche araldiche di Roberto Ciabini con la collaborazione di Beatrix Elliker, Bd. 2, Florenz 1992.