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Der Büchner-Porträtist August Hoffmann

Spurensuche zu einem kulturgeschichtlichen Sensationsfund in den Büchnergedenkjahren 2012/2013

von Sebastian Pella

Die hessenweit gefeierten Büchnergedenkjahre 2012/2013 wurden von einer Fülle an publizistischen Neuerscheinungen begleitet. Den geistigen Mehrwert in Form von neuen Erkenntnissen zu Leben und Wirken Georg Büchners sucht der Leser jedoch vergeblich. Sicherlich weist das Georg Büchner Jahrbuch 12 einige interessante Facetten zu dem Schwerpunkt der schriftstellerischen Tätigkeit des südhessischen Dichters im ›Hessischen Landboten‹ auf, doch sind die im Jahrbuch präsentierten Aufsätze thematisch äußerst spezialisiert und lassen eine zu den Gedenkjahren wünschenswerte ganzheitliche Betrachtung vermissen.1

Einzig das familiengeschichtliche Umfeld des in diesen Jahren gefeierten Poeten erfuhr in den historischen Darstellungen eine gekonnte Aufarbeitung mit durchaus neuen Aspekten zu den Geschwistern Georg Büchners.2 Insbesondere zur Geschichte der Naturwissenschaften liefert Ludwig Büchner, dessen Buch ›Kraft und Stoff‹ weltweit Erfolg hatte und sogar zur Verbreitung darwinistischer Anschauungen im arabisch-türkischen Raum beitrug, äußerst instruktive Ansätze.3

Doch zu Georg Büchner findet sich in den viel beworbenen sowie landes-, regional- und lokalgeschichtlich begangenen Veranstaltungen und deren publizistischen Niederschlägen kein neuer Aspekt, keine neue Facette.

Einzig ein Zeichnungsfund auf einem Dachboden in Gießen förderte eine neue kunstgeschichtliche Notiz zu Tage. Auf diesem Dachboden lag eine Mappe mit 148 Zeichnungen des Theatermalers August Hoffmann (1807–1883), worin ein Porträt4 enthalten ist, das auffallende Ähnlichkeit mit einem bereits bekannten Bild Georg Büchners von eben jenem Hoffmann aufweist. Daher wurde eine personengeschichtlichen Recherche zu dem Theatermaler Philipp August Joseph Hoffmann erhoben.

Im Stadtarchiv von Mannheim, dem Geburtsort Hoffmanns, ist noch der Familienbogen des Vaters Franz Hoffmann und dessen Frau Karoline Marconi mitsamt Informationen über die Geschwister erhalten. August Hoffmann wurde am 17.11.1807 in Mannheim geboren. Doch die Familie lebte gemäß den vorliegenden Quellen aus dem Stadtarchiv nur von 1807 bis 1812 in Mannheim, ehe sie nach Darmstadt übersiedelte.5 Das Deutsche Geschlechterbuch führt den Vater Franz Hoffmann als Hofopernsänger zu Darmstadt an.6 Der vom Frankfurter Kunstverein 1909 herausgegebene zweite Band von ›Kunst und Künstler in Frankfurt am Main‹ berichtet über den »Landschafts- und Theatermaler« Hoffmann, daß dieser »von Darmstadt nach Frankfurt« kam, ›wo er seit dem 15. August 1834 als Theatermaler angestellt war. Um 1880 wurde er pensioniert.‹7 Hoffmann verstarb am 30. Juli 1883 in Frankfurt am Main. In einem Werk finden sich von Hoffmann angefertigte Dekorationen für einzelne Stücke aufgelistet.8 Außerdem berichteten die Frankfurter Nachrichten 1865 in einem Artikel über die Silberhochzeit Hoffmanns.9 Ferner findet sich am Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main ein Gesuch Hoffmanns zum Erhalt des Bürgerrechts für sich, seine Frau und die gemeinsamen Kinder aus dem Jahr 1861.10 Außerdem bat Hoffman 1867 für seinen in New York lebenden Sohn Friedrich Ludwig Wilhelm Hoffmann um die Entlassung aus dem preußischen »Untertanenverband« aufgrund der beruflichen Tätigkeit beim dortigen Handlungshaus Louis Dejonge.11 Weitere Archivalien und Quellen zum Leben und Schaffen August Hoffmans konnten bislang nicht gefunden werden.

Hoffmann war ein Maler, der sich auf Landschaften und Stadtansichten sowie einzelne Genrezeichnungen spezialisiert hatte, wodurch die drei in der Bildmappe entdeckten Porträtzeichnungen durchaus überraschten. Doch die Ähnlichkeit des gefundenen Porträts, das auf 1833 datiert ist und einen jungen Burschen im leger sitzenden Hemd zeigt, mit dem von Hoffmann gemalten Bild ›Georg Büchner im Polenrock‹ ist evident. Hierbei handelt sich um die Fotoreproduktion des 1944 bei einem alliierten Luftangriff verbrannten Originals, das Hoffmann als Erinnerungsbild für die Familie des jung

verstorbenen Büchner malte. Bislang war Büchners Gesicht nur von dieser Darstellung sowie zwei 1972 gefundenen unpräzisen Skizzen mit Profilumriß bekannt. Diese in Briefmarkengröße gehaltenen und eher flüchtig erscheinenden Zeichnungen stammten von Büchners französischem Freund Alexis Muston12 und können ebenfalls auf das Jahr 1833 datiert werden. Im Gegensatz zu ›Büchner im Polenrock‹, das einen ernsten Büchner zeigt, wirken die Skizzen Mustons als reine Momentaufnahme und Augenblicksdarstellungen. Hingegen zeigt das neu entdeckte Porträt einen juvenilen und fröhlichen Büchner, der tatendurstig und draufgängerisch wirkt. Auf dem in Händen gehaltenen Notenblatt sieht der Betrachter einen Auszug der 1831 uraufgeführten Oper ›Zampa oder die Marmorbraut‹ des Komponisten Ferdinand Herold, was im übertragenen Sinne als eine Anspielung auf eine verheimlichte Liebe gedeutet werden könnte.13

 

August Hoffmann: Selbstporträt des Malers mit seiner Familie in Sickenhofen, 1834. In Sickenhofen war Heinrich Anton Clotz, Schwiegervater von August Hoffmann, seit 1828 Pfarrer. Q.: Wilfried Michel, Gießen.

 

Hinzu tritt die familiäre Verbindung des Malers Hoffmann mit dem Dichter Büchner: Hoffmann ehelichte am 11. Oktober 1835 in Sickenhofen Christiane Ernestine Friederike Clotz (* 23. November 1813, † Frankfurt am Main 10. Januar 1899), und Georg Büchners Patenonkel war ebenfalls mit einer gebürtigen Clotz verheiratet. Die in Hessen weitverzweigte Theologenfamilie ist verstärkt in der Region Gießen zu lokalisieren, wodurch hier schon in der Vergangenheit allerlei an Büchner-Archivalien gefunden und bewahrt werden konnte. Georg Büchner hielt sich ungefähr 11 Monate »von Oktober 1833 bis September 1834«14 zum Studium in Gießen auf, und so korrespondiert sein Aufenthalt an der Landesuniversität in Gießen zeitlich mit der Erstellung des jetzt entdeckten Bildnisses.

Der Nachlaß Hoffmanns war bislang allerdings unbekannt, und für die Forschung war der Maler ohnehin nur von nachrangigem Interesse. Pfarrer Ludwig Clotz war es, der sich im Frühjahr dieses Jahres an den emeritierten Professor für Germanistik und Büchner-Fachmann Dr. Günter Oesterle wandte und diesem die Zeichnung zur Begutachtung übergab. Ludwig Clotz, langjähriges Mitglied des Förderkreises der Stiftung für Personengeschichte, forschte bereits intensiv über das familien- und personengeschichtliche Beziehungsgeflecht Büchner-Clotz-Hoffmann und verknüpfte sein genealogisches Wissen mit der Kenntnis um den Nachlaß Hoffmanns, in dem er durchaus kunst- und kulturgeschichtliche Schätze vermutete. Seine Vermutung sollte sich bewahrheiten. Nachdem inzwischen zahlreiche Büchnerkenner, unter anderem Professor Dedner als Leiter der Büchner-Forschungsstelle in Marburg, den Fund analysiert haben, gibt es kaum Zweifel an der Echtheit dieses zweiten Büchnerbildnisses von August Hoffmann.

Gleichwohl regen sich noch skeptische Stimmen, die beispielsweise auf die Ähnlichkeit von Büchners drei Jahre jüngerem Bruder Wilhelm mit dem Porträtierten aufmerksam machen. Oesterles Bemerkung: »Vielleicht wird es nie eindeutig wissenschaftlich beweisbar sein, dass es sich bei dem neuen Porträt um den Dichter Büchner handelt«15, ist zuzustimmen, denn wesentlich erscheint, daß mit dem Dachbodenfund eine wirkliche Novität die Büchnergedenkjahre bereichert und für Wissenschaft, Forschung sowie Öffentlichkeit ein außerordentliches kultur- und kunstgeschichtliches Kulturgut präsentiert und debattiert werden kann. Denn viel mehr als alle publizistischen Neuerscheinungen prägt dieses jetzt entdeckte Bildnis die Breitenwirkung des Erinnerns an Georg Büchner.

Am 12. Oktober öffnet die hessische Landesausstellung ›Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell‹ in Darmstadt, die mit dem kulturhistorischen Sensationsfund eine grandiose Eigenwerbung betreiben kann und mit diesem zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierten Bildnis einen wahren Publikumsmagnet aufweist.

 

Anmerkungen

  1. Vgl. Burghard Dedner/Matthias Gröbel/Eva-Maria Vering (Hrsg.): Georg Büchner Jahrbuch 12 (2009–2012). Göttingen 2012.
  2. Vgl. Matthias Gröbel u.a. (Hrsg.): »Fortschritt der Menschheit in der Entwicklung der Menschen«. Georg Büchners Geschwister in ihrem Jahrhundert. Darmstadt, Marburg 2012. [Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte, Bd. 167].
  3. Vgl. Matthias Gröbel: Ludwig Büchner ›Ein Heilssucher im Industriezeitalter. In: Matthias Gröbel u.a. (Anm. 2). S. 235-411.
  4. Bildnachweis: August Hoffmann, Georg Büchner mit Notenblatt, 1833, Privatbesitz Gießen, Genehmigung zum Abdruck erteilt.
  5. Vgl. StadtA MA – ISG, Familienbogen, Hoffmann, Franz.
  6. Vgl. Deutsches Geschlechterbuch 124 (Hessen 15). S. 22.
  7. Frankfurter Kunstverein (Hrsg.): Kunst und Künstler in Frankfurt am Main im neunzehnten Jahrhundert. Zweiter Band. Frankfurt am Main 1909. S. 63.
  8. Vgl. Anton Bing: Rückblicke auf die Geschichte des Stadttheaters Frankfurt. Bd. 1. Frankfurt am Main 1892. S. 179, 182–185, 190, 194, 202.
  9. Vgl. Frankfurter Nachrichten, 21.10.1865, Nr. 125, S. 995.
  10. Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, Senatssupplikationen 766/21.
  11. Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, Senatssupplikationen 906/38. Die Kinder von August Hoffmann und seiner Frau waren nach ›familysearch‹: Friederike (* Ffm. 5.7.1836, † 4.12.1887), Carl Christian Franz Heinrich (* Ffm. 8.6.1839), Johann Georg Friedrich (* Ffm. 30.10.1841, † 14.4.1845), Friedrich Ludwig Wilhelm (* Ffm. 10.9.1846, † 4.5.1901), Adolph Georg (* 8.12.1848), Magdalena Caroline (* Ffm. 10.3.1851), Maria Magdalena Catharina Emilie Georgine Gerhardine (* Ffm. 21.12.1853, † 21.7.1928).
  12. Im Herbst 1833 besuchten Georg Büchner und Alexis Muston den an der Zwingenberger ›Hofapotheke‹ seine Lehre verrichtenden Wilhelm Büchner im Rahmen einer Wanderung entlang der Bergstraße und durch den Odenwald. »Vor der mehrtägigen Wanderung half Georg Büchner Muston im Großherzoglichen Geheimen Staatsarchiv in Darmstadt bei der Übersetzung der Akten zur Geschichte der Waldenser. Nach dem Besuch bei Wilhelm in Zwingenberg bestiegen die Wanderer den Melibokus. Bei einer Rast am Felsenmeer in Lautertal zeichnete Alexis Muston das Porträt seines Freundes.« Zit. in: Luise-Büchner-Gesellschaft (Hrsg.): Büchnerland: Orte von Georg Büchner und seinen Geschwistern in Hessen. Darmstadt 2013. S. 67f.
  13. Vgl. Dagmar Klein: Stellt dieses Porträt Georg Büchner dar? In: Gießener Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2013, S. 28.
  14. Luise-Büchner-Gesellschaft (Anm. 12). S. 41.
  15. Vgl. Dagmar Klein (Anm. 13).

Herrn Pfarrer i.R. Ludwig Clotz, Gießen, sei für die Hinweise, Vermittlung der Abbildung und der Gießener Presseausschnitte herzlich gedankt, Herrn Wilfried Michel für die Überlassung der Abbildungen.